Frau nimmt eine Auszeit vom Alltag auf dem Balkon am Morgen

Auszeit vom Alltag nehmen: Warum kleine Pausen so wichtig sind

Es gibt Tage, die gar nicht besonders schlimm sind und einen trotzdem leer machen. Kein großer Streit. Keine Katastrophe. Nur viele kleine Dinge hintereinander.

Morgens zu spät los. Im Zug kein Platz. Zwei Nachrichten, die man nicht beantworten will. Ein Termin, der länger dauert als geplant. Mittags irgendetwas aus einer Papiertüte gegessen, abends noch kurz einkaufen, und zu Hause merkt man dann: Der Tag war nicht hart genug, um sich zu beschweren. Aber weich war er auch nicht.

Dann steht man in der Küche und weiß nicht genau, was man zuerst machen soll.

Ich glaube, genau an solchen Tagen braucht man eine Auszeit vom Alltag. Nicht unbedingt Urlaub. Nicht gleich ein Wochenende am Meer. Manchmal reicht etwas Kleines, das den Tag kurz unterbricht, bevor er einen komplett durchkaut.

In meiner Kolumne für THE LIVES interessieren mich oft solche unscheinbaren Stellen im Leben. Dinge, die nicht laut wirken, aber viel ändern können. Eine Pause gehört dazu. Sie sieht von außen nach wenig aus. Innerlich kann sie ein kleiner Schnitt sein.

Eine Auszeit vom Alltag muss nicht groß aussehen

Viele Menschen denken bei Auszeit sofort an Wegfahren. Koffer, Zug, Hotel, Wald, Meer, andere Luft. Das kann wunderbar sein. Ich will das gar nicht kleinreden.

Mann sitzt im Tram und macht eine ruhige Pause nach der Arbeit

Aber der Alltag wartet ja nicht immer brav, bis wir drei freie Tage haben.

Eine Auszeit vom Alltag kann auch zehn Minuten dauern. Man geht vor die Tür, ohne etwas zu erledigen. Man setzt sich auf eine Bank, obwohl man eigentlich schon weiter müsste. Man trinkt Kaffee nicht nebenbei, sondern einfach nur Kaffee. Keine Mails dazu, keine Liste, keine zweite Aufgabe im Kopf. Wenn das nicht klappt, klappt es eben nicht. Dann ist wenigstens der Kaffee warm.

Ich habe lange Pausen erst dann genommen, wenn es eigentlich zu spät war. Wenn ich schon fahrig wurde. Wenn ich denselben Satz dreimal las. Wenn ich in einer kleinen Recherche fünf Tabs öffnete und in keinem mehr wusste, was ich suchte.

Das ist ein schlechter Zeitpunkt für Erholung.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschreibt Arbeitspausen ziemlich nüchtern als Unterbrechungen der Arbeit, die der Erholung dienen und einen Ausgleich schaffen können. Ich mag diese trockene Formulierung. Sie macht aus der Pause keine Wellness-Szene. Eine Pause ist erst einmal: unterbrechen. Nichts weiter.

Und das ist manchmal schon ziemlich viel.

Kleine Pausen sind kein Preis für fertige Arbeit

Ein Fehler, den ich oft gemacht habe: Ich habe Pausen wie eine Belohnung behandelt. Erst wenn der Text fertig ist. Erst wenn die Küche sauber ist. Erst wenn die Mail beantwortet ist. Erst wenn ich mich „richtig“ angestrengt habe.

Das klingt vernünftig. Es ist aber auch eine Falle.

Denn viele Tage werden nicht fertig. Sie laufen nur aus.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Erfurt. Ich war dort für ein kleines Stadtporträt unterwegs, nichts Großes, ein paar Gespräche, ein paar Fotos, eine Adresse, die ich mir falsch notiert hatte. Am Ende saß ich in der Nähe vom Anger auf einer niedrigen Mauer und aß ein trockenes Laugenbrötchen aus der Tüte. Kein schöner Moment. Kein inspirierender Blick. Neben mir stand ein Papierkorb, der ziemlich voll war.

Frau sitzt im Park und macht eine bewusste kleine Pause

Aber ich blieb sitzen.

Zehn Minuten vielleicht. Ohne Plan. Danach schrieb ich nicht besser. Ich war auch nicht plötzlich ruhig. Aber ich hörte auf, mich selbst durch den Nachmittag zu schieben.

Seitdem denke ich manchmal: Eine Pause muss sich nicht verdient anfühlen. Sie darf einfach nötig sein.

Das klingt klein. Im Alltag ist es nicht klein.

Warum kurze Auszeiten oft besser funktionieren als große Pläne

Wenn der Alltag voll ist, machen große Erholungspläne manchmal zusätzlichen Druck. Mehr schlafen. Mehr rausgehen. Besser essen. Weniger Bildschirm. Endlich wieder lesen. Den Kopf frei bekommen. Alles richtig. Alles gut gemeint.

Nur wird daraus schnell ein zweiter Stundenplan.

Kleine Pausen sind weniger ehrgeizig. Sie fragen nicht, wer man ab morgen sein will. Sie fragen eher: Was würde diesen Moment jetzt ein bisschen entlasten?

Ein Glas Wasser.

Fünf Minuten an die Luft.

Einmal die Schultern senken.

Eine Mahlzeit ohne Stehen.

Eine Strecke zu Fuß, die man sonst fährt.

Keine Heldentaten.

Bei Barmer wird zum Thema Pausen gegen Stress beschrieben, dass schon kurze Unterbrechungen helfen können, Stress abzubauen und die Konzentration wieder zu verbessern. Ich lese so etwas gern, wenn es nicht übertreibt. Es geht nicht darum, aus drei Minuten am Fenster eine Lebensphilosophie zu machen. Es geht eher darum, dem Körper nicht erst zuzuhören, wenn er deutlich lauter wird.

Manchmal merkt man erst in der Pause, wie eng man gerade war. Kiefer fest. Schultern oben. Atem flach. Der Körper hält den Tag ja oft länger aus als der Kopf.

Oder er tut nur so.

Meine Tante und die Pause im Treppenhaus

In meiner Familie gibt es eine Tante, die viele Jahre in der Pflege gearbeitet hat. Sie ist keine Person, die lange über Selbstfürsorge spricht. Wenn sie müde ist, sagt sie eher: „Geht schon.“ Und dann geht es halt irgendwie.

Vor ein paar Jahren erzählte sie mir etwas, das ich nicht vergessen habe. Sie hatte nach einer sehr vollen Schicht die Wohnungstür aufgeschlossen, die Tasche in den Flur gestellt und sofort gehört, dass in der Küche etwas piepte. Waschmaschine oder Herd, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls machte sie die Tür wieder zu und setzte sich noch drei Minuten ins Treppenhaus.

Nicht dramatisch. Einfach auf die Stufe.

Sie sagte später: „Wenn ich direkt reingehe, bin ich schon wieder zuständig.“

Das fand ich sehr genau.

Frau wartet am Wasserkocher und nimmt eine kleine Auszeit vom Alltag in der Küche

Diese drei Minuten waren keine romantische Auszeit. Kein Tee, kein Balkon, kein schönes Licht. Wahrscheinlich roch es nach Schuhen und Putzmittel. Aber sie hatte kurz eine Grenze gezogen zwischen dem, was draußen an ihr hing, und dem, was drinnen sofort weiterging.

So etwas meine ich mit kleinen Pausen.

Nicht fliehen. Nur nicht nahtlos weitermachen.

Freizeit machen kann auch wieder Arbeit werden

Man sagt ja schnell, man müsse mehr aus seiner Freizeit machen. Ich verstehe den Satz. Er klingt aktiv, erwachsen, fast gesund.

Trotzdem macht er mich vorsichtig.

Freizeit machen kann nämlich wieder nach Leistung klingen. Dann soll auch der freie Abend etwas liefern: Erholung, gute Laune, Bewegung, ein gutes Essen, soziale Nähe, vielleicht noch ein kleines Hobby. Am Ende sitzt man da und ist enttäuscht, weil sogar die Pause nicht gut genug war.

Das passiert mir nicht ständig, aber oft genug.

Ich plane einen freien Samstag manchmal zu hübsch. Markt, Café, ein Spaziergang, später kochen, abends vielleicht noch ein Film. Auf dem Papier sieht das nach gutem Leben aus. In echt stehe ich um halb fünf mit einer Tüte Gemüse in der Küche und bin gereizt, weil der Tag sich zu voll angefühlt hat, obwohl alles freiwillig war.

Dann war es keine Auszeit. Dann war es ein freundlicher Parcours.

Vielleicht braucht freie Zeit manchmal weniger Idee. Nicht nichts. Nur weniger Anspruch.

Kleine Ziele helfen, wenn Pausen sonst verschwinden

Es gibt Menschen, die machen einfach Pause. Ich bewundere das. Ich gehöre nicht immer dazu.

Mir helfen kleine Ziele, aber nur, wenn sie wirklich klein bleiben. Nicht: ab jetzt jeden Tag 30 Minuten bewusst abschalten. Das ist schon wieder zu glatt. Eher: nach dem Mittagessen drei Minuten raus. Oder: zwischen zwei Terminen nicht sofort den nächsten Bildschirm öffnen. Oder: abends einmal hinsetzen, bevor die Küche ruft.

Drei Minuten sind so wenig, dass der Ehrgeiz kaum etwas damit anfangen kann.

Das ist der Vorteil.

Mann macht eine kurze Pause mit Sandwich im Büro

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung nennt bei Erholungszeiten und Pausen auch regelmäßige kurze Pausen, bevor Ermüdung richtig spürbar wird. Ich würde das nicht eins zu eins ins Privatleben übertragen, aber der Gedanke passt: Nicht erst warten, bis alles leer ist.

Im Alltag bedeutet das vielleicht: Pause, bevor man unfreundlich wird. Pause, bevor der Kopf nur noch schiebt. Pause, bevor man zum dritten Mal denselben Schrank öffnet und nicht mehr weiß, was man gesucht hat.

Nicht immer merkt man den Moment rechtzeitig.

Manchmal merkt man ihn erst danach.

Was eine gute Pause nicht leisten muss

Eine gute Pause muss nicht schön sein.

Sie muss auch nicht besonders achtsam aussehen. Man muss dabei nicht auf einer Holzbank sitzen, nicht dankbar in den Himmel schauen und nicht plötzlich bessere Gedanken haben. Eine Pause darf langweilig sein. Ein bisschen schief. Zu kurz. Zu spät.

Manchmal ist sie sogar eher praktisch: Brot essen. Die Augen schließen. Den Rücken vom Stuhl lösen. Eine Treppe langsam runtergehen. Einen Satz nicht sofort beantworten.

Ich glaube, das wird unterschätzt. Viele Menschen suchen Erholung erst dort, wo sie gut aussieht. Im Urlaub. In der Sauna. Beim Wochenendtrip. In einem sauber geplanten Abend.

Aber Pausen im Alltag sind oft hässlicher.

Sie passieren zwischen zwei Dingen. Neben dem Kopierer. Im Auto vor dem Supermarkt. Auf einer Bank, die zu kalt ist. Im Bad, weil dort kurz niemand etwas fragt.

Das macht sie nicht wertlos.

Vielleicht sogar brauchbarer.

Pausen brauchen manchmal eine kleine Grenze

Eine Auszeit vom Alltag beginnt oft mit einer Grenze. Nicht groß. Nicht hart. Nur spürbar.

Ich bin jetzt fünf Minuten nicht erreichbar.

Ich esse erst, bevor ich antworte.

Ich gehe einmal vor die Tür.

Ich räume die Tasche später aus.

Solche Sätze wirken fast lächerlich klein. Aber sie verhindern, dass der Tag einfach in einen hineinläuft. Ohne Rand, ohne Luft.

In meinen Notizen steht seit einiger Zeit ein Satz, den ich nicht besonders elegant finde: „Pause ist nicht Leerlauf.“ Ich weiß nicht mehr, wann ich ihn aufgeschrieben habe. Wahrscheinlich in einer Bahn, wahrscheinlich mit zu wenig Schlaf. Der Satz ist ein bisschen schief, aber er trifft etwas.

Zwei Frauen reden draußen mit Bechern in der Hand

Leerlauf klingt nach Verschwendung. Pause klingt nach Pflege. Oder wenigstens nach Unterbrechung.

Nicht jede Unterbrechung ist gut. Wer alle fünf Minuten ausweicht, kommt auch nicht weiter. Das kenne ich. Dann wird Pause zur Tarnung für Aufschieben.

Aber ohne Unterbrechung wird der Tag irgendwann eine lange Fläche.

Und lange Flächen machen müde.

Ein kleiner Ortswechsel kann reichen

Bei langen Reisen habe ich gelernt, dass ein Ortswechsel nicht immer weit sein muss. Manchmal verändert sich der Kopf schon, wenn man aus einem Raum in einen anderen geht. Vom Schreibtisch in die Küche. Von der Küche auf den Balkon. Von der Wohnung vor die Haustür.

Das klingt fast zu simpel, aber es funktioniert öfter, als ich zugeben möchte.

Nicht jedes Mal.

Ich habe einmal in einer Pension in Görlitz an einem Text gesessen und kam überhaupt nicht weiter. Der Satzanfang war da, der Rest nicht. Ich machte dann etwas, das ich sonst gern als sinnlos bezeichnen würde: Ich ging in den Hausflur und betrachtete die alten Briefkästen. Einer klemmte, auf einem stand ein Name schief, irgendwo roch es nach Suppe.

Fünf Minuten später war der Text nicht plötzlich fertig.

Aber ich konnte den schlechten Satz löschen.

Das war genug für diesen Moment.

Vielleicht reicht manchmal genau so eine Auszeit: nicht die perfekte Erholung, sondern genug Abstand, damit ein schlechter Satz nicht die ganze Stunde frisst.

Wenn Pausen schwerfallen

Manche Menschen halten Pausen schlecht aus. Nicht, weil sie keine Erholung wollen. Eher, weil in der Pause sichtbar wird, wie voll alles ist.

Solange man macht, merkt man weniger.

Sobald man sitzt, kommt der Körper hinterher. Müdigkeit, Unruhe, manchmal auch Traurigkeit. Das ist unangenehm. Dann steht man lieber wieder auf und findet noch etwas Nützliches. Eine Schublade. Eine Mail. Einen Einkauf, der eigentlich bis morgen warten könnte.

Mann steht am Samstag in der Küche und braucht eine kleine Pause

Ich schreibe das ohne Vorwurf. Ich mache es selbst.

Eine Pause kann am Anfang sogar schlechter wirken als Weitermachen. Sie nimmt die Ablenkung weg. Plötzlich ist da nur noch der eigene Zustand. Kein Wunder, dass viele Menschen dann lieber wieder funktionieren.

Vielleicht muss eine Pause deshalb sehr klein anfangen. Nicht zwanzig Minuten Stille. Erst mal zwei Minuten. Nicht meditieren. Nur sitzen. Oder stehen. Oder Wasser trinken. Danach kann man immer noch entscheiden, dass es heute nicht geht.

Auch das ist Information.

Auszeit vom Alltag heißt nicht Ausstieg aus dem Leben

Eine Auszeit vom Alltag wird manchmal missverstanden. Als würde man alles liegen lassen. Pflichten, Menschen, Arbeit, Familie. Aber die meisten kleinen Pausen sind kein Ausstieg. Sie sind eher eine kurze Rückkehr zu sich selbst, bevor man wieder weitermacht.

Das klingt etwas größer, als ich es meine.

Ich meine: nicht automatisch reagieren. Nicht sofort aufspringen. Nicht jedes freie Stück mit der nächsten Sache füllen.

Wenn jemand Kinder hat, Pflege übernimmt, Schicht arbeitet oder in einem kleinen Haushalt lebt, sind Pausen oft nicht frei verfügbar. Dann wirken Ratschläge schnell frech. „Nimm dir doch mal Zeit“ ist leicht gesagt, wenn niemand gleichzeitig ruft, sucht, fragt oder etwas fallen lässt.

Darum glaube ich nicht an die eine perfekte Pause.

Mann steht vor der Haustür und nimmt sich einen Moment Ruhe vor dem Alltag zu Hause.

Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern hat vielleicht drei Minuten im Bad. Jemand im Büro hat vielleicht den Weg zur Kaffeemaschine. Eine Person, die Angehörige pflegt, hat vielleicht nur den Moment, bevor sie die Wohnungstür öffnet.

Das ist nicht ideal.

Aber es ist ein Anfang, wenn man ihn nicht kleinredet.

Was ich heute als Pause nehmen würde

Wenn ich heute merke, dass der Tag zu dicht wird, würde ich nicht erst nach der perfekten Lösung suchen. Ich würde wahrscheinlich etwas sehr Einfaches machen.

Jacke an.

Einmal um den Block.

Oder Wasser aufsetzen und daneben stehen bleiben, bis es kocht. Nicht schon die nächste Sache anfangen. Nur warten. Das fällt mir schwerer, als es klingt.

Vielleicht würde ich auch einen kleinen Zettel schreiben: „Heute nicht alles.“ Der Satz ist nicht besonders schön. Aber ich würde ihn verstehen.

Kopf frei bekommen hat manchmal weniger mit Nachdenken zu tun als mit Unterbrechen. Und eine Auszeit vom Alltag muss nicht beweisen, dass sie klug war.

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