Mann sitzt abends in der Küche und überlegt, was man in seiner Freizeit machen kann

Was kann man in seiner Freizeit machen? Kleine Aktivitäten, die den Kopf frei machen

von Lukas Schmidt

Freizeit klingt nach etwas Leichtem. Nach einem freien Abend, offenem Fenster, vielleicht einem Spaziergang, vielleicht gar nichts. In Wirklichkeit sitzt man um halb acht in der Küche, hat den Arbeitstag noch im Kopf, isst irgendetwas direkt aus der Packung und merkt: So frei fühlt sich diese Zeit gar nicht an.

Ich kenne solche Abende gut.

Bei THE LIVES schreibe ich viel über Alltag, kleine Routinen und Dinge, die ein Leben ein bisschen angenehmer machen können. Trotzdem habe ich eine gewisse Abneigung gegen Freizeit-Tipps, die so tun, als müsste man nur drei einfache Dinge tun und der Kopf wäre wieder klar. Tee. Spaziergang. Dankbarkeit. Fertig.

So läuft es ja selten.

Die Frage “Was kann man in seiner Freizeit machen?” klingt zuerst praktisch. Eigentlich fragt sie aber oft etwas anderes: Was mache ich mit mir, wenn endlich niemand etwas von mir will und ich trotzdem nicht zur Ruhe komme?

Das ist ein kleiner Unterschied.

Freizeit ist nicht automatisch Erholung

Der seltsamste Irrtum ist vielleicht, dass freie Zeit von allein gut tut. Feierabend, Tür zu, alles besser. Schön wär’s.

Mann macht am Abend eine ruhige Pause in der Küche

Oft läuft der Tag einfach weiter, nur ohne Termine. Der Kopf wiederholt Gespräche. Die Hände räumen halbherzig irgendetwas weg. Auf dem Stuhl liegt Wäsche, auf dem Tisch Post, im Kühlschrank steht etwas, das schon gestern nicht sehr überzeugend aussah.

Freizeit sinnvoll gestalten heißt für mich nicht, jede freie Minute zu verplanen. Das wäre ja nur Arbeit mit weicheren Kanten. Aber ein kleiner Übergang hilft. Schuhe wechseln. Kurz ans Fenster gehen. Zwei Lieder hören. Nicht sofort den nächsten Bildschirm aufklappen.

Nicht als großes Ritual.

Eher als Schnitt. Wobei selbst das schon zu ordentlich klingt.

Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Ruhe, ein paar Minuten Abstand vom Tag — mehr ist es oft gar nicht. Das klingt fast zu schlicht, passt aber zu dem, was auch unter Bewegung, Entspannung und Stressbewältigung beschrieben wird. Ich würde daraus trotzdem keine Regel machen. An manchen Abenden hilft es. An anderen nicht. Dann bleibt die Tasse eben im Schrank und der Kopf bleibt voll.

Auch das gehört zur Wahrheit.

Ein Weg muss nicht schön sein

Spazierengehen klingt langweilig, weil es ständig empfohlen wird. Es ist ein bisschen wie Wasser trinken. Stimmt wahrscheinlich, nervt aber trotzdem, wenn jemand es einem im falschen Moment sagt.

Trotzdem gehe ich los, wenn ich merke, dass ich nur noch im Kreis denke. Nicht immer. Oft bleibe ich auch sitzen. Aber wenn ich gehe, dann nicht besonders romantisch.

Mann geht nach einem langen Tag durch eine ruhige Straße

Jacke an. Straße runter. Einmal um den Block. Vielleicht an der Bahnlinie entlang. Vielleicht nur bis zum Kiosk und zurück.

In Dortmund bin ich einmal nach einem vollen Tag ohne Plan losgelaufen. Es war nicht schön im klassischen Sinn. Parkende Autos, nasser Asphalt, ein geschlossener Bäcker, in dessen Scheibe noch ein gelber Zettel hing. “Morgen wieder ab 6:30”. Mehr war da nicht. Trotzdem hatte mein Kopf nach einer Viertelstunde aufgehört, denselben Satz vom Nachmittag zu wiederholen.

Nicht alles muss hübsch sein, damit es wirkt.

Oder anders: Manchmal wirkt es gar nicht. Dann war es nur ein Weg. Immerhin.

Zuhause bleiben, ohne gleich zu versinken

Es gibt Tage, da ist draußen keine Option. Regen, Müdigkeit, keine Lust auf Menschen. Dann braucht es Freizeitaktivitäten für zuhause, die nicht sofort nach Projekt klingen.

Eine Schublade öffnen und zehn Dinge herausnehmen. Nicht “die Wohnung neu ordnen”. Nur diese eine Schublade mit alten Kabeln, Batterien, Stiften und Bedienungsanleitungen, die wahrscheinlich zu Geräten gehören, die längst weg sind.

Ein einfaches Gericht kochen. Keine große Küche. Suppe, Brot, Rührei, Ofengemüse. Etwas, bei dem die Hände etwas zu tun haben: schneiden, rühren, warten.

Zehn Seiten lesen. Oder zwei. Oder nur das Buch wieder auf den Tisch legen, damit es nicht komplett verschwindet.

Mann liest entspannt ein Buch auf dem Sofa

Musik hören, ohne nebenbei aufzuräumen. Das ist schwerer, als es klingt. Ich schaffe es selten. Nach dem zweiten Lied stehe ich oft doch auf und suche eine Tasse, die in die Spülmaschine kann. Dann war es eben kein reines Musikhören.

Na und.

An sehr vollen Tagen hilft mir etwas noch Banaleres: sitzen bleiben und ruhiger atmen. Nicht als Übung auf einer Matte. Eher am Küchentisch, mit den Ellbogen neben der Kaffeetasse. Drei, vier ruhige Atemzüge. Kurz warten. Nicht sofort zur nächsten Sache springen.

Das ist keine Methode, die ich verkaufen würde. Es ist eher eine kleine Bremse.

Etwas mit den Händen machen

Nach Tagen, an denen viel geredet, geschrieben oder organisiert wurde, mag ich Tätigkeiten, bei denen niemand etwas von mir will. Keine kluge Antwort. Kein Ergebnis, das jemand abnimmt. Keine Entscheidung mit drei Folgen.

Pflanzen umtopfen. Ein Regal abwischen. Ein Fahrradlicht reparieren. Brot schneiden und einfrieren. Einen Knopf annähen, auch wenn es nicht besonders elegant aussieht. Alte Zeitungen bündeln. Einen Schuh putzen. Den zweiten vielleicht auch.

Das klingt nicht nach Freizeit. Eher nach Haushalt.

Genau deshalb funktioniert es manchmal.

Nicht jedes Hobby muss nach Hobby aussehen. Es kann auch eine ruhige Arbeit sein, die niemand bewertet. Ich hatte mal eine Phase, in der ich alte Holzrahmen auf Flohmärkten kaufte. Einer stand monatelang im Flur. Nicht mal dekorativ, eher im Weg. Irgendwann habe ich ihn abgeschliffen. Der Rahmen wurde nicht schön. Nur heller. An einer Ecke blieb ein dunkler Fleck, den ich nicht wegbekam.

Mann bearbeitet einen alten Holzrahmen am Tisch

Ich habe ihn trotzdem behalten.

Nicht wegen des Ergebnisses. Eher wegen dieser halben Stunde, in der ich nicht über den nächsten Text nachgedacht habe.

Ein Hobby darf auch kurz scheitern

Viele Menschen machen aus einem neuen Hobby sofort eine neue Version von sich selbst. Aus “ich probiere mal Gitarre” wird innerlich: Ich bin jetzt jemand, der Musik macht. Das kann schön sein. Es kann den Anfang aber auch schwer machen.

Mit kleinen Schritten anfangen klingt nach einem guten Rat. Ist es auch. Aber ich würde noch etwas dazusetzen: Man darf auch schnell merken, dass etwas nichts ist.

Einmal stricken. Einmal zeichnen. Einmal ein Rezept testen. Einmal zum Chorabend gehen und danach nicht sofort entscheiden, ob man nun ein Chormensch ist. Eine Sache darf erst einmal nur ein Versuch bleiben. Ohne Profil. Ohne Ausrüstung. Ohne Ansage.

Ich habe einmal versucht, abends Mundharmonika zu üben. Nach drei Tagen lag das Ding in einer Schublade, weil es klang, als würde ein sehr kleiner Zug entgleisen. Keine große Selbsterkenntnis. Kein “Daraus habe ich gelernt”. Es war einfach vorbei.

Auch das ist Freizeit.

Nicht jede Aktivität muss bleiben, nur weil man sie angefangen hat.

Menschen treffen, aber nicht als Programm

Freizeit muss nicht immer allein stattfinden. Manchmal wird der Kopf gerade durch andere Menschen frei. Nicht durch große Gespräche. Eher durch einfache Nähe.

Mit jemandem kochen. Eine Runde laufen. Zusammen einkaufen und danach noch zehn Minuten vor dem Haus stehen bleiben. Ein Spielabend, der nicht bis Mitternacht gehen muss. Ein Kaffee am Sonntag, ohne dass daraus gleich ein ganzer Tagesplan wird.

Zwei Erwachsene sprechen in ihrer Freizeit an einem Streetfood-Stand in der Stadt

Ich war einmal mit einem Bekannten verabredet, eigentlich für eine Ausstellung. Wir kamen zu spät, weil wir vorher zu lange an einem Imbiss standen. Am Ende liefen wir nur eine Stunde durch die Gegend. Kein Kulturprogramm, kein großer Abend. Ich erinnere mich trotzdem daran.

Vielleicht, weil niemand versucht hat, die freie Zeit besonders sinnvoll zu machen.

Gesellschaft kann aber auch anstrengend sein. Das wird gern vergessen. Nicht jeder freie Abend braucht Menschen. Wer den ganzen Tag gesprochen hat, darf abends schweigen. Man muss nicht jede freie Stunde mit Nähe retten.

Draußen sein, ohne gleich Sport daraus zu machen

Bewegung ist gut, klar. Aber sobald Freizeit nach Training klingt, steigen viele innerlich aus. Ich auch, je nach Tag.

Darum denke ich lieber an draußen sein. Nicht an Sport.

Eine kleine Runde mit dem Rad. Ein Weg zum Markt. Ein paar Minuten auf einer Bank. Treppen statt Aufzug, wenn die Beine es mitmachen. Ein Spaziergang mit einem Kaffee in der Hand. Ein Stadtteil, den man sonst nur aus der Bahn kennt.

Auch bei der Stiftung Gesundheitswissen wird Bewegung eher nüchtern erklärt: nicht als Leistung, sondern als etwas, das Wohlbefinden und Psyche unterstützen kann. Für mich heißt das im Alltag nicht: mehr Druck, mehr Trainingsplan, mehr Selbstkontrolle. Es heißt eher: Der Körper sollte nicht den ganzen Abend in derselben Haltung bleiben.

Ein Freund von mir fährt nach langen Bürotagen manchmal nur zwei Haltestellen mit dem Rad und nimmt dann die Bahn. Früher fand er das albern. Heute sagt er, es sei genau richtig: nicht sportlich genug, um sich wie Sport anzufühlen, aber anders genug, damit der Tag eine Kante bekommt.

Ich glaube, solche halben Lösungen werden unterschätzt. Sie erzählen sich nicht besonders gut. Sie sehen nicht nach Veränderung aus. Sie passen nur in den Tag.

Das ist viel.

Ein bisschen Langeweile darf bleiben

Langeweile hat einen schlechten Ruf. Dabei ist sie nicht immer das Problem. Manchmal ist sie nur der Moment, bevor einem einfällt, was man eigentlich braucht.

Das klingt jetzt fast zu ordentlich. Ich meine es kleiner.

Wenn ich sofort jede Lücke fülle, merke ich oft gar nicht, was los ist. Bin ich müde? Bin ich unruhig? Brauche ich Menschen? Brauche ich Ruhe? Habe ich Hunger? Oder will ich nur nicht spüren, dass der Tag ziemlich voll war?

Mann räumt konzentriert eine kleine Küchenschublade auf

Freizeit ohne Langeweile verbringen klingt erst einmal gut. Nur wird daraus schnell die nächste Aufgabe. Noch eine Serie suchen. Noch ein Rezept. Noch eine Verabredung. Noch eine Liste mit Dingen, die angeblich guttun.

Langeweile kann nerven. Sehr sogar. Sie kann einen auch auf dumme Ideen bringen, zum Beispiel Kühlschranktüren ohne Grund zu öffnen oder alte Nachrichten noch einmal zu lesen.

Aber nicht jede Lücke ist ein Fehler.

Ein bisschen Leerlauf darf bleiben.

Freizeit kann auch Druck machen

Das ist der Teil, der in vielen freundlichen Freizeit-Listen fehlt: freie Zeit kann stressen.

Vor allem, wenn sie gut genutzt werden soll. Dann wird der Abend plötzlich zur Prüfung. Habe ich mich erholt? Habe ich etwas Schönes gemacht? Habe ich mich bewegt? Habe ich jemanden gesehen? Habe ich den Kopf frei bekommen?

Da wird aus Freizeit eine zweite To-do-Liste, nur mit netteren Wörtern.

Ich kenne das von freien Samstagen. Wenn ich mir zu viel vornehme, wird aus dem Tag ein kleiner Wettbewerb gegen mich selbst. Markt, Café, Lesen, Spaziergang, Kochen, vielleicht noch ein Text. Klingt alles gut. Um sechs bin ich dann gereizt, weil die Freizeit nicht so leicht war, wie sie auf dem Papier aussah.

An solchen Tagen wäre weniger besser gewesen. Vielleicht nur einkaufen. Vielleicht nur kochen. Vielleicht gar nichts Besonderes.

Das Ärgerliche: Man merkt es oft erst hinterher.

Was kann man in seiner Freizeit machen, wenn nichts passt?

Es gibt diese Abende, da passt nichts. Rausgehen zu anstrengend. Lesen zu still. Kochen zu viel. Menschen zu laut. Aufräumen zu traurig. Hobby zu ambitioniert.

Dann würde ich sehr niedrig anfangen.

Duschen. Fenster öffnen. Zehn Minuten Küche. Ein Glas Wasser. Einen Teller richtig essen, nicht nur nebenbei. Kurz den Müll rausbringen. Eine Sockenschublade sortieren, wenn es sein muss. Oder einfach sitzen und die Lampe nicht zu hell machen.

Mann probiert zu Hause ein neues Hobby mit einer Gitarre aus

Das ist keine schöne Liste. Aber sie ist ehrlich.

Freizeit muss nicht immer eine Aktivität hervorbringen. Manchmal reicht es, den Abend nicht komplett im Nebel verschwinden zu lassen. Ein kleiner Handgriff kann schon genug Struktur geben.

Bei meiner Mutter stand früher oft ein Korb mit Wäsche im Wohnzimmer. Nicht dekorativ. Einfach da. Wenn sie abends müde war, faltete sie manchmal nur drei Teile und ließ den Rest liegen. Als Kind fand ich das seltsam. Heute verstehe ich es besser.

Drei Teile sind keine Lösung.

Aber sie sind drei Teile.

Nicht jede freie Stunde muss etwas aus dir machen

Ich habe eine kleine Abneigung gegen Freizeit, die zu sehr nach Verbesserung klingt. Besserer Körper, bessere Wohnung, bessere Laune, bessere Routinen. Natürlich ist nichts falsch daran. Aber manchmal soll Freizeit nicht aus uns bessere Menschen machen. Manchmal soll sie nur verhindern, dass der Tag komplett an uns vorbeiläuft.

Das ist ein Unterschied.

Ein gutes Hobby kann helfen. Ein Spaziergang auch. Ein Abend mit Freunden. Ein Buch. Ein Topf Suppe. Ein bisschen Musik. Ein Balkon, auf dem nichts Besonderes passiert. Eine halbe Stunde, in der man etwas mit den Händen macht und danach nicht sofort bewertet, ob es sich gelohnt hat.

Vielleicht ist das die brauchbarste Antwort auf die Frage, was man mit freier Zeit machen kann: nicht die eine große Sache suchen. Lieber ein paar kleine Möglichkeiten haben, die zum echten Leben passen. Und trotzdem akzeptieren, dass nicht jeder Abend gerettet werden will.

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