Frau bei einer kreativen Auszeit am Fenster nach einem Regentag

Kreative Auszeit: Warum Frauen und Männer manchmal erst zur Ruhe kommen müssen

Ich misstraue ein bisschen dem Moment, in dem jemand sagt: „Ich brauche jetzt dringend etwas Kreatives.“

Meistens klingt das nach einem Plan. Nach einem Kurs, einem neuen Notizbuch, vielleicht nach Aquarellfarben, die noch nach Geschäft riechen. Nach einem Wochenende irgendwo, wo man endlich wieder zu sich findet, obwohl man vorher noch drei Mails beantworten muss und auf dem Weg dorthin schon wieder in Eile ist.

Ich kenne das ja.

Man merkt, dass der Kopf voll ist. Dann sucht man nach etwas Schönem, das ihn wieder leer macht. Nur funktioniert das nicht immer so. Manchmal ist nicht die Kreativität weg. Man ist nur zu laut geworden. Innerlich meine ich.

Und dann hilft nicht immer ein neues Projekt. Manchmal hilft zuerst etwas viel Unauffälligeres: eine Stunde ohne Auftrag. Ein Spaziergang, bei dem kein Ziel wartet. Musik, die nicht nebenbei läuft. Ein Stift, der erst einmal nur Kreise macht.

Solche leisen Stellen im Alltag interessieren mich mehr als die großen Vorsätze. Vielleicht, weil dort manchmal etwas zurückkommt, das im vollen Tag untergeht.

Ein Gedanke. Eine Lust. Oder nur der Satz: Ich bin ja noch da.

Erst einmal nichts leisten

Das Wort Auszeit klingt schnell nach großer Geste. Nach Kündigung, Insel, Atelier, Neuanfang. Manchmal braucht ein Mensch so etwas wirklich. Meistens aber nicht.

Meistens braucht er erst einmal eine Unterbrechung.

Ich meine keine Pause, in der man schnell noch Dinge erledigt. Kein „ich mache kurz Pause“ und räume dabei die Spülmaschine aus, beantworte zwei Nachrichten und suche nebenbei nach einem Geburtstagsgeschenk. Das ist keine Pause. Das ist Alltag in anderer Verpackung.

Es beginnt eher dort, wo nichts sofort nützlich sein muss.

Kreative Auszeit für Frauen: Frau sitzt nach der Arbeit ruhig auf einer Parkbank

Eine Frau setzt sich nach der Arbeit auf eine Bank und bleibt zehn Minuten sitzen, obwohl sie eigentlich einkaufen wollte. Ein Mann geht nach dem Abendessen noch eine Runde um den Block und nimmt nicht die schnellste Strecke. Jemand malt schlecht. Jemand schreibt drei Sätze auf, die nirgends hinführen. Jemand hört ein altes Album und merkt erst beim dritten Lied, wie angespannt die Schultern waren.

Bei Forschung & Lehre wird in einem Text über kreative Pausen Kierkegaard zitiert: „Müßiggang ist nichts Übles.“ Ich musste darüber lächeln, weil das Wort heute fast verdächtig klingt. Müßiggang. Als müsste man sich dafür entschuldigen.

Dabei ist eine halbe Stunde ohne Ergebnis manchmal sehr anständig verbrachte Zeit.

Wenn der Kopf zu laut ist

Kreativität wird oft als Energie beschrieben. Als Funke. Als Drang. Als etwas, das plötzlich kommt und einen mitnimmt.

Das stimmt manchmal.

Aber vorher ist oft etwas anderes nötig: eine innere Abnahme der Lautstärke. Wer den ganzen Tag reagiert, hat selten Platz für eigene Gedanken. Termine, Nachrichten, Kinder, Arbeit, Wege, Einkauf, Pflege von Angehörigen, Rechnungen, kleine Sorgen, die man nicht groß genug findet, um sie Sorgen zu nennen. Das sammelt sich. Nicht dramatisch. Eher wie Papier auf einem Tisch. Am Ende sieht man die Fläche nicht mehr.

Ich habe das bei mir oft an Notizen gemerkt. Wenn ich zu viel wollte, wurden sie schlechter. Ich schrieb dann keine Beobachtungen mehr auf, sondern Überschriften. Alles klang schon fertig, bevor überhaupt etwas da war.

In solchen Phasen half selten ein großer Kreativplan. Eher ein Umweg. Ein Bahnhof, an dem ich zu früh war. Ein Spaziergang durch eine Straße in Magdeburg, in der nichts Besonderes passierte. Ein Café, in dem jemand am Nebentisch so langsam seinen Kuchen aß, als hätte der Nachmittag keine Meinung zu ihm.

Danach kam nicht immer sofort eine Idee.

Aber der Kopf hörte auf, alles zu sortieren.

Frauen, Männer und diese komischen freien Minuten

Ich schreibe bewusst von Frauen und Männern, aber nicht, weil Pausen bei beiden völlig anders funktionieren. Eher, weil volle Tage unterschiedlich aussehen können.

Wer den halben Tag für andere mitdenkt, braucht vielleicht nicht noch einen Kurs, in dem wieder etwas gelingen muss. Wer immer stark, praktisch oder lösungsorientiert sein will, braucht vielleicht erst einmal etwas, bei dem niemand fragt, was dabei herauskommt.

Beides ist nicht weich. Beides ist ziemlich real.

Kreative Auszeit für Frauen: Frau hört zu Hause Musik und kommt zur Ruhe.

Mein Vater hatte früher eine kleine Kiste mit Schrauben, Holzresten und seltsamen Metallteilen. Als Kind fand ich sie langweilig. Samstags verschwand er manchmal für zwanzig Minuten in den Keller. Nicht lange. Nicht dramatisch. Er reparierte irgendetwas, das wahrscheinlich auch ohne ihn weiter kaputt hätte bleiben können.

Ein Hockerbein. Eine Schublade. Ein Griff.

Ich erinnere mich weniger an die Dinge als an sein Gesicht, wenn er wieder hochkam. Nicht glücklich im großen Sinn. Eher sortierter. Als hätte jemand kurz die Fenster im Kopf geöffnet.

Damals dachte ich natürlich nicht: Aha, kreative Auszeit.

Ich dachte: Papa war im Keller.

Heute verstehe ich es besser. Es war nicht das Reparieren allein. Es war die Art, wie die Hände etwas taten, während der Kopf nicht dauernd reden musste.

Bewegung hilft manchmal mehr als der nächste Plan

Nicht jede kreative Pause sitzt am Schreibtisch. Manche bewegt sich.

Dass der Körper dem Denken helfen kann, klingt weniger romantisch als ein Atelier mit großem Fenster, ist aber oft brauchbarer. Die Universität Würzburg berichtet über Forschung zu Kreativität durch Bewegung: Nicht nur Laufen, auch kleine freie Bewegungen im Sitzen können kreatives Denken fördern. Wichtig ist dabei die Freiheit, sich ohne äußere Vorgaben zu bewegen.

Ich mag diesen Punkt. Ohne Vorgaben. Genau daran scheitern viele Pausen nämlich.

Ein Spaziergang muss nicht gesund aussehen. Er muss nicht schnell sein. Man muss dabei auch keine neue Lebensentscheidung treffen. Es reicht, wenn der Körper merkt, dass er nicht mehr an der gleichen Stelle festhängt.

Ich kenne Menschen, die beim Gehen besser denken. Andere beim Abwasch. Wieder andere beim Schneiden von Gemüse, beim Stimmen einer Gitarre, beim Zusammenlegen von Wäsche. Es gibt Tätigkeiten, die einfach genug sind, um nicht alles zu fordern, aber konkret genug, um einen aus dem eigenen Lärm zu holen.

reative Auszeit für Männer: ein Mann geht ohne Telefon durch eine ruhige Straße

Wer freie Zeit immer sofort füllt, verpasst genau diese merkwürdige Zwischenform: Man tut etwas. Aber nicht, um etwas zu schaffen.

Das ist gar nicht so leicht auszuhalten.

Schlechte Zeichnungen können sehr nützlich sein

Vor ein paar Jahren war ich bei einem Abendkurs in einer Volkshochschule. Zeichnen nach Gegenständen. Zwei Stunden, Neonlicht, ein Tisch mit Flaschen, Äpfeln und einer ziemlich beleidigt aussehenden Stoffserviette.

Ich war nicht gut.

Das ist freundlich gesagt.

Die Kursleiterin ließ uns zuerst zehn Minuten lang nur Linien ziehen. Keine Schattierung, keine Komposition, kein großer Anspruch. Nur schauen, Hand bewegen, weiter. Neben mir saß ein Mann, vielleicht Ende fünfzig, der nach der ersten Übung sagte: „Ich dachte, ich komme hierher, um besser zu zeichnen. Jetzt merke ich, ich muss erst mal langsamer gucken.“

Das war vermutlich der beste Satz des Abends.

Solche Kurse können guttun, wenn sie nicht als Selbstoptimierung auftreten. Wenn es nicht darum geht, ab jetzt ein kreativer Mensch zu sein. Sondern darum, zwei Stunden lang etwas zu versuchen, ohne sich sofort zu bewerten.

Man zeichnet eine schiefe Flasche. Man schaut länger hin. Irgendetwas im Kopf hört auf, sofort fertig sein zu wollen.

Ein Raum. Ein anderes Tempo. Eine Aufgabe, die nicht aus dem eigenen Alltag stammt. Oft ist das schon mehr, als man vorher dachte.

Woran man eine gute kreative Auszeit erkennt

Eine gute Auszeit macht nicht noch mehr Druck. Das wäre für mich das erste Zeichen.

Sie muss kein Ergebnis liefern. Sie darf klein bleiben. Sie bringt ein bisschen Abstand zwischen dich und den vollen Tag. Danach bist du nicht unbedingt produktiver, klüger oder ausgeglichener. Manchmal bist du einfach nur weniger verknotet.

Frau sitzt abends in der Küche mit einem offenen Notizbuch vor sich.

Ich finde auch: Eine gute Pause fühlt sich nicht immer sofort gut an. Manchmal merkt man erst später, dass sie geholfen hat. Man kommt nach Hause, macht nichts Besonderes, und plötzlich ist ein Satz im Kopf, der vorher nicht da war. Oder man hat keine Idee, aber auch nicht mehr diesen Druck, unbedingt eine haben zu müssen.

Vielleicht geht es genau darum: nicht noch mehr zu drücken, sondern wieder etwas Platz zu machen.

Kleine Fluchten im normalen Alltag

Man muss nicht verschwinden. Das wäre schön, klar. Aber viele Menschen können nicht einfach verschwinden.

Wer mit Kindern reist, weiß zum Beispiel, dass Ruhe selten dort auftaucht, wo man sie geplant hat. Manchmal sind es acht Minuten auf einer Treppe, während jemand Schuhe sucht. Manchmal der Blick aus einem Hotelfenster, bevor alle wieder Hunger haben.

Auch zu Hause sind Pausen oft nicht sauber. Sie haben Ränder. Eine Waschmaschine piept. Jemand fragt etwas. Der Tee wird kalt. Trotzdem kann ein kleiner Abstand entstehen.

Vielleicht läuft man eine halbe Stunde ohne Plan durch ein Viertel. Vielleicht hört man drei Lieder und macht nichts nebenbei. Vielleicht kritzelt man eine Seite voll, ohne sie jemandem zu zeigen. Andere reparieren etwas, schneiden Gemüse, falten Papier, kneten Teig oder bleiben im Museum nur bei zwei Bildern stehen. Manchmal reicht auch ein Satz im Notizbuch: Was bin ich gerade eigentlich satt?

Nicht poetisch.

Einfach ehrlich.

Solche Dinge sind keine Lösung. Eher kleine Türen. Und manchmal geht eine davon auf, ohne großes Geräusch.

Wenn Ruhe erst einmal nervt

Es gibt noch eine Sache, über die selten gesprochen wird: Ruhe kann am Anfang ziemlich unangenehm sein.

Wenn der Kopf lange voll war, fühlt sich Stille nicht sofort friedlich an. Eher unordentlich. Plötzlich kommen Gedanken, die man den ganzen Tag weggeschoben hat. Man merkt, wie müde man ist. Oder wie gereizt. Oder dass die eigene Kreativität gar nicht „blockiert“ war, sondern einfach keinen Platz hatte.

Frau und Mann nehmen sich eine Auszeit auf einem kleinen Balkon

Dann hilft es wenig, sich zu zwingen, entspannt zu sein.

Eine Pause darf auch erst einmal nerven.

Vielleicht sitzt man da und malt nichts Vernünftiges. Vielleicht geht man spazieren und denkt nur an die Steuer. Vielleicht schreibt man eine halbe Seite und streicht sie wieder. Auch das gehört dazu. Der Kopf braucht manchmal eine Weile, bis er glaubt, dass wirklich keine Aufgabe kommt.

Bei einem Rückblick auf die letzten Wochen merkt man oft, dass die eigene Unruhe nicht plötzlich entstanden ist. Sie hat sich angesammelt. Also verschwindet sie auch nicht in fünf Minuten.

Das muss man nicht gleich als Scheitern lesen. Manchmal braucht der Kopf einfach länger, bis er wirklich runterfährt.

Was wieder auftauchen darf

Ich glaube nicht, dass jede Pause kreativ macht. Manche Pause bleibt einfach Pause. Auch gut.

Aber wenn etwas Neues entstehen soll, braucht es oft vorher einen Moment, in dem nichts gezogen wird. Kein Ergebnis. Kein Vergleich. Kein „ich müsste mal wieder“. Nur ein bisschen Luft.

Dann kommt vielleicht eine Idee für einen Text. Oder für ein Bild. Oder für eine andere Art, den Sonntag zu verbringen. Vielleicht merkt jemand, dass Musik wieder guttut. Oder dass die Hände gern arbeiten würden, nicht nur der Kopf. Vielleicht entsteht auch nur der Wunsch, am nächsten Abend wieder zehn Minuten zu gehen.

Das klingt klein.

Ist es auch.

Aber ich traue diesen kleinen Dingen mehr als den großen Versprechen. Eine kreative Auszeit für Frauen und Männer muss nicht beweisen, dass jetzt alles anders wird. Sie muss nur einen Raum öffnen, in dem wieder etwas auftauchen darf.

Manchmal ist das ein Gedanke.

Manchmal nur Ruhe.

Ich nehme dann meistens einen Stift. Nicht weil daraus sicher etwas wird. Eher, weil er schon daliegt.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Warum starten Sie nicht die Diskussion?

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert