Ich finde es gar nicht so leicht, einen ehrlichen Satz über mich selbst zu schreiben.
Nicht, weil ich nichts über mich wüsste. Eher im Gegenteil. Es gibt ja diese ganze innere Sammlung: Dinge, auf die ich stolz bin, Dinge, die ich an mir mag, alte Unsicherheiten, kleine Macken, schlechte Gewohnheiten, ein paar Fähigkeiten, die ich mir zu selten zugestehe. Alles liegt irgendwo herum. Nur sobald man es aufschreiben will, wird es seltsam ordentlich oder seltsam peinlich.
Was ich an mir mag und nicht mag — schon diese Formulierung klingt ein bisschen nach Schulheft. Links Plus, rechts Minus. Als könnte man sich selbst sauber in zwei Spalten sortieren.
So funktioniert es bei mir nicht.
Manches, das ich an mir mag, hat eine anstrengende Rückseite. Und manches, das mich an mir nervt, war irgendwann wahrscheinlich ein Schutz. Vielleicht sogar eine Hilfe. Nur eben eine, die zu lange geblieben ist.
Was ich an mir mag: die leisen Stärken sehen
Ich mag an mir, dass ich gut beobachten kann.
Das ist kein spektakuläres Talent. Niemand klatscht, wenn jemand in einer Bahnhofshalle merkt, wie ein alter Mann seine Brille abnimmt, bevor er eine Nachricht liest. Aber für meine Arbeit ist es wichtig. Ich sehe oft kleine Bewegungen, Räume, Stimmungen. Ich merke, ob ein Café wirklich gemütlich ist oder nur so tut. Ich höre Sätze, die Menschen nebenbei sagen und die mehr verraten als ein ganzes Interview.

Das mag ich an mir.
Früher hätte ich das nicht als Stärke bezeichnet. Es wirkte zu unscheinbar. Andere konnten lauter auftreten, schneller argumentieren, eindeutiger entscheiden. Ich saß daneben, machte Notizen und brauchte länger. Heute weiß ich: Dieses längere Schauen ist nicht Schwäche. Es ist mein Zugang zur Welt.
Das APA Dictionary beschreibt Selbstakzeptanz als eine eher nüchterne Anerkennung eigener Fähigkeiten und Grenzen. Genau dieses Wort „nüchtern“ hilft mir. Sich selbst mögen muss nicht bedeuten, sich jeden Morgen großartig zu finden. Manchmal reicht es, eine Fähigkeit nicht mehr kleinzureden, nur weil sie nicht nach Bühne aussieht.
Ich mag außerdem, dass ich mich für Dinge begeistern kann, die andere übersehen. Alte Möbel. Ein gut gemachter Stadtplan. Ein Frühstückstisch, an dem nichts zusammenpasst und trotzdem alles richtig wirkt. Das ist vielleicht nicht weltbewegend. Aber es hält mich wach.
Was ich nicht an mir mag: wenn aus Genauigkeit Kontrolle wird
Was ich nicht an mir mag: Ich kann mich in Details festbeißen.
Ein Satz ist dann nicht einfach noch unfertig. Er ist eine kleine Baustelle mit Warnbaken, auf der ich viel zu lange stehe. Ich verschiebe ein Komma, lese den Absatz noch einmal, ändere ein Wort zurück, das ich zehn Minuten vorher geändert habe. Das klingt harmlos. Ist es manchmal auch. Aber manchmal ist es nur Angst in ordentlicher Kleidung.
In einem Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg ging es einmal um Reportage und Interviewführung. Ich erinnere mich nicht mehr an jede Übung, aber an eine Szene ziemlich genau. Wir sollten einen kurzen Text aus unseren Notizen bauen, schnell, nicht perfekt. Ich hatte gutes Material, eigentlich sogar zu viel. Trotzdem saß ich da und sortierte, strich, ordnete, bis der erste Entwurf blasser wurde als die Notizen.
Die Dozentin sagte irgendwann: „Sie müssen nicht alles retten. Manchmal muss ein Text atmen.“
Das traf mich etwas unvorbereitet.
Nicht, weil der Satz besonders neu war. Sondern weil ich merkte: Ich machte das nicht nur mit Texten. Ich machte das auch mit mir. Ich wollte so viele Widersprüche glätten, bis am Ende eine Version übrig blieb, die man gut vorzeigen konnte. Ruhig, aufmerksam, zuverlässig, nicht zu laut, nicht zu bedürftig, nicht zu unentschieden.
Nur lebt niemand wirklich so glatt.
Warum es wichtig ist, auch das Unangenehme zu kennen
Es hilft nicht, nur aufzuschreiben, was man an sich mag.
Das wird schnell nett, aber dünn. Eine Art innerer Werbetext. Ich bin kreativ, ich bin loyal, ich bin neugierig, ich bin belastbar. Schön. Und dann? Wenn ich nicht auch sehe, wo ich schwierig werde, kann ich mich im Alltag kaum besser verstehen.

Ich mag zum Beispiel nicht, dass ich manchmal zu spät merke, wie voll mein Kopf ist. Dann werde ich nicht laut. Ich werde eher knapp. Ich antworte sachlicher, als ich müsste. Ich höre zu, aber nicht richtig. Danach ärgere ich mich über mich selbst, weil es ja nicht die andere Person war, die den Tag zu eng geplant hat.
Eine Freundin, mit der ich früher öfter an Kulturtexten gearbeitet habe, nannte so etwas einmal „höfliche Abwesenheit“. Sie meinte damit diese Art, anwesend zu sein, aber innerlich schon drei Schritte weiter. Bei ihr passierte das in Meetings. Bei mir passiert es eher zu Hause oder in Gesprächen, die eigentlich Ruhe verdient hätten.
Sie sagte irgendwann: „Ich dachte lange, ich bin einfach konzentriert. Dabei war ich oft nur überfordert und wollte es nicht zeigen.“
Das blieb hängen.
Sich anzuschauen, was man nicht an sich mag, ist nicht angenehm. Aber es macht Dinge konkreter. Aus „Ich bin schwierig“ wird vielleicht: Ich ziehe mich zurück, wenn ich müde bin. Aus „Ich bin unentspannt“ wird: Ich habe Angst, nicht vorbereitet zu sein. Aus „Ich bin komisch“ wird: Ich brauche länger, um warm zu werden.
Mit solchen Sätzen kann man arbeiten.
Mit Selbstbeschimpfung nicht.
Was Selbstakzeptanz nicht bedeutet
Selbstakzeptanz wird manchmal missverstanden.
Als würde man sagen: Ich bin halt so, nehmt mich eben. Das klingt bequem, ist aber meistens keine Akzeptanz. Eher Stillstand mit gutem Gewissen.
In Carl Rogers’ Buch On Becoming a Person steht der oft zitierte Satz: „The curious paradox is that when I accept myself just as I am, then I can change.“ Auf Deutsch ungefähr: Der merkwürdige Widerspruch ist, dass ich mich erst verändern kann, wenn ich mich so annehme, wie ich bin.
Ich mochte diesen Satz früher nicht besonders. Er klang mir zu therapeutisch, zu weich. Inzwischen verstehe ich ihn praktischer.
Wenn ich eine Eigenschaft nur hasse, schaue ich nicht genau hin. Ich will sie wegdrücken. Schnell. Gründlich. Ohne Spuren. Das gelingt selten. Wenn ich sie aber erst einmal erkenne, ohne sofort ein Urteil daraus zu machen, wird sie kleiner. Nicht schöner. Nur handhabbarer.
Ich kann dann fragen: Wann passiert das? Mit wem? Nach welchen Tagen? Was brauche ich vorher? Was wäre eine kleine Korrektur?
Das ist auch der Grund, warum ich bei persönlichen Themen gern an kleine Schritte denke. Nicht, weil alles im Leben mit Mini-Zielen lösbar wäre. Sondern weil große Selbstbilder selten helfen. Kleine Beobachtungen schon.
Was ich an mir mag, darf ich auch nutzen
Es gibt noch eine andere Seite: Viele Menschen sprechen leichter über das, was sie an sich nicht mögen, als über das, was sie mögen.
Ich kenne das von mir.

Wenn mich jemand fragt, was ich besser machen sollte, fällt mir schnell etwas ein. Geduldiger sein. Weniger kontrollieren. Früher merken, wenn ich Pause brauche. Nicht jede Unsicherheit mit noch mehr Vorbereitung beantworten.
Wenn mich jemand fragt, was ich an mir mag, wird es langsamer.
Dabei ist das wichtig. Nicht als Selbstlob. Eher als Orientierung. Wer weiß, was er an sich mag, kann damit bewusster umgehen.
Ich mag meine Neugier. Also sollte ich sie nicht nur für Arbeit benutzen, sondern auch für Dinge ohne Nutzen. Eine Ausstellung, die in keinen Text muss. Ein Spaziergang durch ein Viertel, in dem ich niemanden treffe. Ein neues Rezept, das nicht fotografiert wird. Vielleicht auch mal ein neues Hobby, ohne daraus sofort ein Projekt mit Ergebnis zu machen.
Ich mag, dass ich gut zuhören kann. Dann sollte ich dieses Zuhören nicht nur beruflich abrufen, sondern auch privat schützen. Nicht nebenbei. Nicht mit halbem Kopf. Sondern richtig.
Ich mag, dass ich gern Räume wahrnehme. Dann darf ich meine Wohnung so gestalten, dass sie mir hilft, statt nur „praktisch genug“ zu sein. Manchmal ist ein Stuhl am richtigen Fenster eben mehr als ein Stuhl.
Selbstkritik: nützlich, solange sie nicht alles übernimmt
Ich bin nicht gegen Selbstkritik.
Sie kann fair sein. Sie kann einen wachhalten. Sie verhindert, dass man jeden eigenen Impuls für eine Wahrheit hält. Ohne Selbstkritik hätte ich wahrscheinlich viele schlechtere Texte abgegeben und manche Entschuldigung nie ausgesprochen.
Schwierig wird es, wenn Selbstkritik die einzige innere Stimme wird.
Dann klingt alles wie ein Bericht mit rotem Stift. Zu spät. Zu empfindlich. Zu still. Zu ehrgeizig. Zu wenig mutig. Zu langsam. Zu sehr du.
Die NHS empfiehlt bei niedrigem Selbstwertgefühl, negative Überzeugungen über sich selbst zu erkennen und zu hinterfragen. Das ist schlicht, aber hilfreich. Der Punkt ist nicht, jeden kritischen Gedanken sofort durch einen schönen zu ersetzen. Der Punkt ist eher: Stimmt das wirklich? Immer? In jeder Situation? Oder ist das nur ein alter Satz, der sich wichtig macht?
Ich habe mal eine Zeit lang nach langen Arbeitstagen notiert, wann ich besonders hart mit mir war. Keine langen Tagebucheinträge. Nur kurze Zeilen. „Zu langsam beim Text.“ „Wieder nicht direkt geantwortet.“ „Im Gespräch abgedriftet.“ Nach zwei Wochen sah ich etwas, das ich vorher nicht sehen wollte: Meine Selbstkritik wurde fast immer lauter, wenn ich müde war.
Das ist keine tiefe Erkenntnis. Aber eine nützliche.
Denn Müdigkeit braucht Schlaf, nicht Charakterumbau.
Wenn Selbstkritik nicht nur phasenweise laut wird, sondern dauerhaft den Alltag bestimmt, würde ich sie nicht mehr wie eine normale Macke behandeln. Wenn sie Beziehungen, Arbeit, Schlaf oder Freude spürbar kleiner macht, kann es sinnvoll sein, mit jemandem darüber zu sprechen: mit einer vertrauten Person, einer Beratungsstelle oder auch professionell. Nicht, weil man kaputt ist. Sondern weil man nicht jede innere Schleife allein sortieren muss.
Selbstmitgefühl ist nicht das Gegenteil von Verantwortung
Bei dem Wort Selbstmitgefühl zucke ich innerlich manchmal noch ein bisschen zusammen. Es klingt nach Kerze, Decke, warmer Stimme. Alles nicht falsch. Nur eben nicht meine Lieblingskulisse.
Trotzdem steckt dahinter etwas sehr Brauchbares. Kristin Neff beschreibt Selbstmitgefühl unter anderem mit drei Elementen: Freundlichkeit sich selbst gegenüber, ein Bewusstsein dafür, dass Fehler und Schwächen zum Menschsein gehören, und ein achtsamer Blick auf das, was gerade weh tut.

Das ist nicht dasselbe wie Ausreden.
Wenn ich etwas falsch mache, hilft mir Selbstmitgefühl nicht dabei, mich aus der Verantwortung zu schleichen. Im Gegenteil. Wenn ich mich nicht sofort innerlich zusammenschlage, habe ich eher die Ruhe, den Fehler anzusehen. Was ist passiert? Wen betrifft es? Was kann ich ändern? Wo muss ich mich entschuldigen?
Ich habe darüber schon öfter beim Thema Fehler nachgedacht. Die unangenehmsten Seiten an sich werden nicht besser, wenn man sie nur beschimpft. Sie werden aber auch nicht besser, wenn man sie charmant findet. Man muss sie kennen. Und dann etwas Kleines anders machen.
Eine einfache Übung, die weniger harmlos ist, als sie klingt
Wenn ich Menschen fragen würde: Schreib drei Dinge auf, die du an dir magst, würden viele wahrscheinlich seufzen.
Nicht, weil sie gar nichts finden. Sondern weil es sich peinlich anfühlt. Zu nah am Eigenlob. Zu sehr nach Seminarraum.
Ich verstehe das.
Trotzdem ist es eine gute Übung, wenn man sie nicht zu feierlich macht. Drei Spalten reichen.
Was ich an mir mag.
Was ich an mir nicht mag.
Was ich damit mache.
In die erste Spalte kann etwas sehr Einfaches: Ich merke Stimmungen. Ich halte Versprechen. Ich kann allein sein. Ich bringe Menschen zum Lachen. Ich bleibe neugierig.
In die zweite Spalte darf etwas stehen, das nicht hübsch ist: Ich werde ungeduldig. Ich sage zu spät Nein. Ich vergleiche mich. Ich rede mir Erschöpfung schön. Ich tue so, als wäre alles unter Kontrolle.
Die dritte Spalte ist die wichtigste. Nicht: Wie werde ich ein neuer Mensch? Eher: Was wäre ein nächster Schritt?
Wenn ich an mir mag, dass ich aufmerksam bin, kann ich diese Aufmerksamkeit bewusst einsetzen. Vielleicht für ein Gespräch, das ich nicht zwischen zwei Terminen führe.

Wenn ich nicht mag, dass ich zu spät Nein sage, kann ich einen Satz vorbereiten, der nicht perfekt ist, aber funktioniert: „Ich kann das gerade nicht gut zusagen.“
Wenn ich merke, dass mein Kopf zu voll ist, brauche ich vielleicht keinen großen Plan. Vielleicht reicht erst einmal, den Kopf freier zu bekommen, bevor ich über mich urteile.
Ehrlich auf sich schauen, ohne sich dauernd zu verbessern
Das Schwierige an diesem Thema ist die Versuchung, sofort ein Programm daraus zu machen.
Man erkennt etwas an sich und will es reparieren. Schnell. Mit Methode. Ab morgen anders. Besser. Klarer. Freundlicher. Selbstbewusster. Ruhiger. Wieder diese Liste.
Aber ein ehrlicher Blick auf mich selbst ist nicht nur ein Reparaturauftrag.
Manche Dinge darf ich einfach annehmen. Ich werde wahrscheinlich nie der Mensch, der in großen Gruppen sofort locker wird. Ich brauche Anlauf. Das ist okay. Ich werde auch nicht plötzlich jemand, der seine Wohnung immer so aufgeräumt hält, dass spontan Besuch kommen kann und nichts auf einen Stuhl wandern muss. Auch okay.
Andere Dinge will ich verändern. Meine Ungeduld, wenn ich überlastet bin. Meine Neigung, mich hinter Vorbereitung zu verstecken. Dieses stille Verschwinden im Kopf, wenn ich eigentlich bleiben sollte.
Es hilft mir, beides zu trennen.
Annehmen heißt: Ich höre auf, mich für meine Grundform zu verachten.
Arbeiten heißt: Ich übernehme Verantwortung für das, was andere trifft oder mich selbst klein hält.
Dazwischen liegt viel Alltag. Kein großes Erwachen. Eher viele kleine Momente, in denen ich merke: Jetzt rede ich mir gerade wieder ein, dass ich erst perfekt vorbereitet sein muss. Oder: Jetzt tue ich so, als wäre ich entspannt, obwohl ich eigentlich eine Pause brauche. Dann hilft manchmal eine kurze Auszeit, manchmal ein klarer Satz, manchmal nur ein Glas Wasser und zehn Minuten ohne neues Vorhaben.

